Der Begriff „alternativer Krebsbehandlung“ bedeutet aber heute für viele Menschen nicht ein „Ersatz“ konventioneller Therapie, sondern der Wunsch, nach ergänzenden, sanften, natürlichen, Menschen zugewandten Behandlungen (komplementäre Behandlung). Diese finden sich im Bereich naturheilkundlicher Therapien, orthomolekularer Therapie oder auch weltanschaulich geprägten eigenständigen Fachrichtungen wie z.B. anthroposophische Medizin, Homöopathie, traditionell chinesischer Medizin (TCM) oder ayurvedischer Medizin. Der Forderung, komplementäre alternative Methoden wissenschaftlich zu erforschen, kommt eine besondere Bedeutung zu. Oftmals entstammen Behandlungsvorschläge und –Methoden erfahrungsheilkundlichen Empfehlungen, was zu einer allgemeinen Therapieempfehlung nicht ausreichend ist. Hier konnten jedoch Fortschritte erzielt werden und Forschungsprogramme wie CAMbrella (europäisches Forschungsförderprogramm) gestartet werden. Viele Universitäten befassen sich zunehmend mit komplementären Verfahren. Ziel ist eine integrative Medizin, die eine bestmögliche Behandlung für den Patienten, gemäß seiner Erkrankung bedeutet und ihm ermöglicht, seine persönlichen Ressourcen zu stärken. Dem Gedanken der Salutogenese (Entstehung von Gesundheit) kommt hier eine besondere Bedeutung zu.
Die Bundesrepublik Deutschland ist in der Nutzung unkonventioneller Therapien marktführend. Die Vermarktung entsprechender Produkte stellt dabei einen großen Wirtschaftsfaktor dar, der Umsatz pro Jahr beträgt ca. 1 Milliarde Euro (im Vergleich dazu: alle angewandten Chemotherapien (Zytostatika) pro Jahr zusammen nur 0,015 Milliarden Euro. (Lindner 1995, Bundesärztekammer 1993)). Ca. 65 % aller betroffenen Menschen greifen zu Naturheilmitteln, die nicht nur Krebsheilung oder -linderung versprechen, sondern deren Indikation scheinbar bei nahezu allen möglichen Symptomen oder Krankheiten gegeben ist. Wir kennen heute ca. 300 verschiedene Arten von Krebserkrankungen. Sie unterscheiden sich dabei ganz erheblich in ihrer Behandlung. Ein „universelles“ Krebsmedikament gibt es weder in der Schulmedizin noch in anderen Verfahren. Die Werbung suggeriert, dass selbst ein Zustand von Gesundheit einer „Behandlung“ bedarf. So werden beispielsweise Vitamine und Spurenelemente unseren Nahrungsmitteln zugesetzt, weil der Konsument dadurch zum Kauf motiviert wird. Gleichzeitig erfolgt jedoch keine kritische Auseinandersetzung bzgl. vieler belastender Faktoren unseres Lebensstils (z.B. Nikotin, Alkohol, Ernährung, Bewegungsmangel, chronische Stressbelastung).
Die onkologische Abteilung der Habichtswald-Klinik besteht seit 1986. Die damalige konventionelle Krebsbehandlung war sehr einseitig orientiert (pathogenetisch). Naturheilkundliche oder andere Therapieansätze wurden pauschal als unwissenschaftlich abgelehnt. Da aber unsere „schulmedizinischen Möglichkeiten“ oftmals nicht heilende Behandlungen waren, bestand und besteht eine große Verunsicherung und auch ein Misstrauen gegenüber konventioneller Medizin. Wir assoziieren oft Begriffe wie unpersönlich, kalt und technokratisch. Der oftmals ausgesprochene Satz „leben Sie wie bisher“, lässt den Patienten allein in seinem Bedürfnis und Wunsch „noch etwas zu tun“. Unser Anliegen ist, eine dem Patienten zugewandte Medizin anzubieten, die wissenschaftliche und komplementäre Medizin verbindet. Neurobiologische Forschungen zeigen, wie sehr sich Körper, Seele und Geist gegenseitig beeinflussen. Neue Betrachtungsweisen von Krankheit und die Definition von Gesundheit, als Zustand vollständigen körperlichen und sozialen Wohlergehens (WHO) prägten dabei von Beginn an unseren ganzheitlichen Ansatz.
Da der medizinische Fortschritt und vor allem das Verstehen tumorbiologischer Abläufe zu modernen Therapiekonzepten führen (z.B. Antikörperbehandlung, zielgerichtete Therapien) und oftmals Heilungserfolge und deutliche Lebensverlängerung erzielt werden, besteht zwar immer weniger das Bedürfnis, nach „alternativen“, also ersetzenden Behandlungen zu suchen. Vielmehr besteht ein Bedarf an ergänzenden, unterstützenden Therapien (komplementäre Behandlung). Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Psychoonkologischen Betreuung zu. Persönliche Strategien im Umgang mit der eigenen Erkrankung zu finden, vorhandene Ressourcen zu stärken, Verbesserung der Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge sind Behandlungsziele.